Angesichts der Ausweitung des Krieges im Nahen Osten steht die Welt heute möglicherweise erneut am Rande einer potenziellen Energiekrise. Die Frage ist nicht nur, ob die Ölpreise steigen werden – das haben sie bereits –, sondern ob die sich derzeit in der Region vertiefenden geopolitischen Spannungen etwas weitaus Schwerwiegenderes auslösen könnten.
Die Geografie von Energie und Macht
Um zu verstehen, warum die Märkte nervös sind, müssen wir bei einem schmalen Meeresarm beginnen, der an seiner engsten Stelle nur 21 Meilen breit ist: der Straße von Hormus. Dieser Engpass zwischen dem Iran und Oman ist wohl der strategisch wichtigste Energiekorridor der Erde. Etwa 20 % des weltweiten Öls und der Erdölprodukte werden hier transportiert, ebenso wie ein erheblicher Teil der weltweiten Flüssiggaslieferungen. Mit anderen Worten: Wenn Hormuz geschlossen wird, bricht auch das globale Energiesystem sofort zusammen.
Diese Aussicht erscheint nicht mehr nur theoretisch. Der Tankerverkehr ist angesichts eskalierender militärischer Konfrontationen bereits gestört, während Produzenten wie der Irak und Kuwait begonnen haben, ihre Fördermengen zu drosseln, da die Exporte nur schwer durch die Region transportiert werden können und die Öllagerkapazitäten begrenzt sind – und zudem leichte Ziele für iranische Raketen und Drohnen darstellen.
Selbst eine kurze Unterbrechung schlägt Wellen auf den globalen Märkten. Die Ölpreise sind bereits in die Höhe geschnellt, und Energieökonomen warnen, dass eine anhaltende Unterbrechung die Preise dramatisch in die Höhe treiben und weltweit die Inflation anheizen könnte.
Die unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen
Energieschocks bleiben selten auf den Energiesektor beschränkt. Sie wirken sich auf die gesamte Wirtschaft aus. Höhere Ölpreise führen zu höheren Transportkosten. Das treibt natürlich die Preise für Lebensmittel, Industriegüter und Flugtickets in die Höhe. Die Inflation steigt, und die Zentralbanken stehen vor der wenig beneidenswerten Wahl, entweder die Zinsen anzuheben, um die Inflation zu kontrollieren, oder sie zu senken, um das Wirtschaftswachstum zu stützen. Kurz gesagt: Ein Energieschock wird zu einer weiteren Krise der Lebenshaltungskosten. Diesmal kommt er zu einer bereits bestehenden Krise der Lebenshaltungskosten hinzu.
Wir sehen bereits erste Warnsignale. In mehreren Ländern steigen die Kraftstoffpreise rapide an, während in einigen Regionen aufgrund instabiler Schifffahrtswege bereits Versorgungsengpässe und Befürchtungen einer Rationierung auftreten. Sollten sich die Konflikte hinziehen, warnen Ökonomen, dass die globalen Wachstumsprognosen nach unten korrigiert werden könnten und die Inflation stark ansteigen könnte.

Die strategische Dimension
Energiekrisen verändern auch die Geopolitik. Während der Ölkrisen der 1970er Jahre begannen westliche Nationen, strategische Erdölreserven aufzubauen und eine größere Energieunabhängigkeit anzustreben. Europa diversifizierte seine Gasversorgung, und Japan setzte verstärkt auf Energieeffizienz und Kernkraft.
Eine neue Krise könnte eine weitere strategische Neuausrichtung auslösen. China und Indien, die beide stark vom Öl aus dem Nahen Osten abhängig sind, würden sich um alternative Bezugsquellen bemühen. Russland könnte als alternativer Lieferant und Exporteur an Einfluss gewinnen. Unterdessen könnten westliche Regierungen den Übergang zu erneuerbaren Energien beschleunigen, nicht nur aus Umweltgründen, sondern auch aus Gründen der nationalen Sicherheit.
Mit anderen Worten: Energieschocks haben in der Vergangenheit die geopolitische Landkarte neu gezeichnet.
Versteckte Schwachstellen
Es gibt noch andere, weniger offensichtliche Risiken. Moderne Energiesysteme sind stark miteinander vernetzt. Ölinfrastruktur befindet sich neben Kraftwerken, Entsalzungsanlagen und Schifffahrtsknotenpunkten im gesamten Golf. Militärische Angriffe, einschließlich Drohnenangriffen auf diese Anlagen, könnten Kettenreaktionen auslösen. Selbst die Wasserversorgung in den Golfstaaten ist anfällig, da Entsalzungsanlagen stark von der Energieinfrastruktur abhängig sind.
In der heutigen Zeit geht es bei Kriegen nicht nur um Bomben und Raketen, sondern darum, die äußerst fragilen Systeme zu stören, auf die wir alle angewiesen sind und die wir so sehr als selbstverständlich ansehen – wobei die Energieversorgung eines der kritischsten Systeme überhaupt ist.
Bildnachweis: envato elements; Autor: zelmab;
Gründe für vorsichtigen Optimismus
Dennoch gibt es Gründe, eine regelrechte Panik zu vermeiden. In der Vergangenheit haben die Energiemärkte eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit bewiesen. Selbst während der jüngsten Konflikte im Nahen Osten sind die Ölpreise oft kurzzeitig in die Höhe geschossen, bevor sie sich wieder beruhigten, sobald klar wurde, dass die Versorgungsströme intakt blieben. Auch die Märkte sind ausgereifter geworden. Dank Satellitenüberwachung und Tanker-Tracking-Technologie können Händler Versorgungsunterbrechungen fast sofort erkennen, was die Unsicherheit verringert, die früher extreme Preisspitzen ausgelöst hat. Darüber hinaus haben die meisten Nationen, einschließlich der am Konflikt beteiligten, einen starken wirtschaftlichen Anreiz, den Ölfluss aufrechtzuerhalten. Der Iran selbst ist stark von Ölexporten abhängig. Eine vollständige Absperrung des Ölhahns würde allen schaden.
Die wahre Gefahr
Die eigentliche Gefahr liegt nicht in einem kurzen Krieg, sondern in einem langen. Eine kurze Konfrontation, die schnell endet, könnte nur einen vorübergehenden Anstieg der Energiepreise zur Folge haben.
Ein langwieriger regionaler Konflikt, an dem mehrere Staaten beteiligt sind, könnte jedoch – insbesondere wenn er den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus über Monate hinweg unterbricht – einen Schock auslösen, der mit den großen Energiekrisen der Vergangenheit vergleichbar ist. In einer ohnehin schon fragilen Weltwirtschaft, die nach wie vor mit Inflation, Verschuldung und geopolitischen Spannungen zu kämpfen hat, könnte sich dies als zutiefst destabilisierend erweisen.
Am Abgrund
Stehen wir also am Rande einer neuen Energiekrise? Die ehrliche Antwort lautet: durchaus möglich. Die Zutaten sind alle vorhanden. Ein strategischer Engpass, ein sich ausweitender Krieg und eine energiehungrige Weltwirtschaft. Die Geschichte lehrt uns, dass die Folgen weit über das Schlachtfeld hinausreichen können, wenn diese drei Kräfte aufeinanderprallen.
Von den europäischen Tankstellen bis zu den Seehäfen in Asien wären die Auswirkungen überall zu spüren. Und deshalb blicken Märkte, Regierungen und Autofahrer alle auf denselben schmalen Meeresstreifen im Persischen Golf und hoffen, dass sich die Geschichte nicht noch einmal wiederholt.








