Hier scheinen sich die Landschaften zu erheben, nicht einfach, weil wir auf sie zugefahren sind, sondern weil sie unsere Ankunft in aller Ruhe erwartet haben. Sizilien rollt keinen roten Teppich aus, sondern entfaltet sonnengebleichte Seiten von Mythen, Bergen, Zitronenhainen und azurblauen Küsten, die mit einer arroganten Schönheit glänzen, wie sie nur eine Mittelmeerinsel hervorbringen kann.
Palermo: Kontrolliertes Chaos und der erste Schlag der sizilianischen Magie
Credits: Pexels; Autor: Mariam Sukiasyan;
Wir beginnen in Palermo, denn jeder Besuch auf Sizilien sollte mit einer Taufe des organisierten Chaos beginnen. Hier zu fahren ist, als würde man in ein Live-Videospiel hineingeworfen, in dem jeder nach Regeln spielt, die man nicht einmal kennt.
Palermo ist eine düstere Schönheitskönigin, verschnörkelt, chaotisch, extravagant und stolz. Die arabisch-normannische Architektur ist wie eine architektonische Autobiografie der Stadt. Die Palatinische Kapelle glänzt mit byzantinischen Mosaiken, die Quattro Canti sind theatralisch barock, und der geschäftige Ballarò-Markt ist ein Ort, an dem die Verkäufer ihre Waren geradezu besingen.
Nach einer Nacht in der Stadt sprangen wir wieder ins Auto. Irgendwann lichtet sich der Verkehr, der Himmel weitet sich, und Sizilien beginnt, sich in seiner natürlichen Form zu entspannen.
Cefalù und der Norden der Insel
In östlicher Richtung führt die Straße an der Nordküste entlang, bevor sie sich in das kleine Juwel Cefalù neigt. Mit seiner karamellfarbenen Kathedrale und einem Strand, an dem die Wellen des Tyrrhenischen Meeres so sanft anrollen wie ein Seufzer, ist Cefalù die sanfte Seite Siziliens. Sie erklimmen die Rocca, um einen Blick zu erhaschen, der unmöglich in einen einzigen Blick passen kann. Unten ein Meer von Terrakotta-Dächern, dahinter das unendliche Blau und dieser leichte Hitzeschimmer, der alles surreal erscheinen lässt.
Wenn man weiter nach Osten fährt, wird die Landschaft zu einer Reihe von filmischen Bildern. Olivenhaine gleiten vorbei, Weinberge ziehen in geraden, disziplinierten Reihen, und kleine Dörfer scheinen an den Hängen zu kleben wie Seepockenbüschel.
Taormina: Der Balkon der Götter
Kein Roadtrip durch Sizilien kommt an Taormina vorbei, und das sollte er auch nicht. Der Ort, der theatralisch über dem Meer thront, hat das Selbstbewusstsein eines Hollywood-Starlets. Das Griechische Theater mit seinem perfekten Blick auf den Ätna und das Mittelmeer erinnert daran, dass die antiken Architekten nicht nur begabt waren, sondern auch unverhohlene Angeber.
Schlendern Sie über den Corso Umberto mit seinen schicken Boutiquen und pastellfarbenen Gelaterias und fahren Sie dann die Serpentinenstraße hinunter zur Isola Bella, wo die Kieselsteine Ihre Füße massieren und das Wasser glasklar ist.
Der Ätna: Das schlagende, atmende Herz der Insel
Nach dem Verlassen der Küste führt die Straße ins Landesinnere zu dem, was die Insel mehr als alles andere prägt. Der Ätna. Er ist der aktivste Vulkan Europas. Er dominiert die Landschaft, ein Berg voller Widersprüche, der fruchtbar und doch gewalttätig, majestätisch und doch unberechenbar ist. Wenn man seine Flanken hinauffährt, hat man das Gefühl, in verschiedene Welten einzutauchen. Zitronenhaine am Fuße, Kastanienwälder auf halber Höhe und schließlich die mondartige Leere des Gipfels.
Auf dem Gipfel wird die Luft dünner, kühler und schärfer. Man hört das Knirschen des vulkanischen Schotters unter den Füßen. Der Ätna, der friedlich unter der sizilianischen Sonne dampft, erinnert daran, dass die Schönheit der Insel aus dem Feuer geboren wurde und weiterhin von ihm geformt wird.
Syrakus und Ortigia: Antike Steine und gleißendes Licht
Die Straße nach Süden führt nach Syrakus, einer Stadt, die Homer noch kennen würde. Hier sind die Steine älter, das Licht theatralischer. Ortigia, das Inselherz von Syrakus, fühlt sich an, als sei es aus Honig geschnitzt. Man spaziert an der Uferpromenade entlang, wo das Meer sanft an die Mauern plätschert, und taucht dann in schattige Plätze ein, wo die Kirchen golden leuchten.
Im griechischen Theater im archäologischen Park von Neapolis finden immer noch Aufführungen statt. Eine Kontinuität, die Ihnen ein Kribbeln im Nacken verursacht. Man kann sich fast vorstellen, wie die Toga durch die Tribünen fegt. Dies ist die intellektuelle Seele Siziliens, ein Ort, an dem die antike Welt verblüffend nahe ist.
Das Noto-Tal
Von Syrakus aus führt die Straße in die barocke Traumlandschaft von Noto, Modica und Ragusa, drei Städte mit überbordender Architektur.
Noto mit seinen leuchtenden Sandsteinfassaden scheint selbst im Schatten zu leuchten. Ragusa Ibla windet sich wie ein für Künstler und Dichter gebautes Labyrinth. Modica bringt uns Schokolade. Eine reichhaltige, körnige Schokolade nach antiker Art, die noch immer nach den Techniken der Azteken hergestellt wird, die vor vielen Jahrhunderten von den Spaniern eingeführt wurden.
Die Fahrt durch diese Region sollte langsam, bedächtig und köstlich sein. Jeder Halt ist ein weiterer Versuch der Insel, uns zu verführen. Sizilien ist sehr, sehr gut in der Verführung. Sie ist eine stürmische Schönheit, verführerisch, anziehend und unverschämt sexy.
Agrigento und das Tal der Tempel
In westlicher Richtung führt die Straße hinauf in das grandiose Agrigento, wo sich das Tal der Tempel befindet. Der Anblick der massiven dorischen Säulen, die sich gegen den Himmel erheben, ist geradezu surreal. Diese Tempel stehen hier seit 2 500 Jahren und haben in aller Ruhe beobachtet, wie die Insel den Besitzer, die Sprachen, die Religionen und die Regierungen wechselte. Und doch sind sie unbewegt geblieben. Sie können zwischen ihnen umherwandern, während die späte Nachmittagssonne alles in Bernstein taucht. Die Olivenbäume rascheln, die Zikaden summen, und man spürt, wie sich eine Art Ehrfurcht über den Ort legt.
Sciacca, Marsala und eine Brise aus dem Westen
Der westliche Teil Siziliens hat einen anderen Reiz. Hier ist es windiger, salziger und offener. In Sciacca dümpeln die Fischerboote träge im Hafen, und die Luft schmeckt leicht nach Salz. Auf der Weiterfahrt kommen wir an den geometrischen weißen Salinen von Marsala vorbei, die von eleganten Windmühlen gesäumt sind.
Ein Glas echter Marsala-Wein an seinem Geburtsort ist eine Offenbarung. Er ist reichhaltiger, komplexer und lebendiger als alles, was man in einer Supermarktflasche bekommt. Wie Sizilien selbst, hat er eine Kraft, die wir nicht erwartet haben. Kein Wunder, dass ein Tiramisu, das in dieser Gegend gemacht wird, unendlich viel alkoholischer schmeckt!
Trapani, Erice und der Weg dorthin
Die letzte Etappe der Reise führt uns nach Trapani, einer Stadt, die sich auf einer schmalen Landzunge erstreckt. Von hier aus fahren wir hinauf in das mittelalterliche Dorf Erice, eine nebelumhüllte und mythologische Festung auf einem Berggipfel. An einem klaren Tag kann man die gesamte Küste, die Ägadischen Inseln und sogar die Kurve Afrikas in der Ferne sehen.
Die Fahrt von Erice zurück nach Palermo für unsere letzte Etappe fühlt sich an wie der sanfte Abschluss eines Buches. Eine Rückkehr zum Anfang, aber mit einem Kopf voller Landschaften, Geschmäcker und unbezahlbarer Erinnerungen. Aber wir übernachten nicht in Palermo, sondern in meinem Lieblingsort auf Sizilien, der nahe gelegenen Stadt Terassini, wo es etwas ruhiger zugeht. Dieser Ort liegt in der Nähe von Castellamare del Golfo, wo es einen fantastischen Strand, einen herrlichen Jachthafen und eine wunderschöne alte Festung gibt.
Das Fazit
Ein Roadtrip durch Sizilien ist weder geordnet noch linear. Sie ist chaotisch, leidenschaftlich, vulkanisch, lyrisch, sonnendurchflutet und absolut berauschend. Es ist ein Ort, an dem die Vergangenheit nie wirklich Vergangenheit ist. Außerdem bewegt sich die Gegenwart in ihrem eigenen Tempo, wo Essen eine Sprache ist und wo jede Straße entweder aufwärts in den Mythos oder abwärts zum Meer zu führen scheint.
Wenn Sie die Schlüssel Ihres Mietwagens zurückgeben, wird Sizilien sich Ihnen nicht nur gezeigt, sondern auch etwas in Ihnen verändert haben. Das ist das Besondere an dieser Insel: Sie kommen wegen der Landschaft, aber Sie verlassen sie mit viel mehr.






